Geistliches

Hier finden Sie die aktuelle Andacht, die auch im jeweiligen Gemeindebrief steht,

sowie die eine oder andere Predigt zum Nachlesen.

 

Predigt am 18.11.2018 - vorletzter Sonntag im Kirchenjahr und Volkstrauertag

Liebe Schwestern und Brüder!

In vielen Ausgaben der Bibel finden sich im Text Sätze, die fettgedruckt sind und so herausstechen. Es sind Sätze, die vielen Menschen wichtig geworden sind, die vielen Halt und Orientierung gegeben haben, und die sie deswegen unterstrichen haben. Einen dieser Sätze möchte ich heute mit Ihnen bedenken. Er lautet: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“ Ein Satz, den Pfarrer immer wieder als Konfirmationsspruch ausgewählt und weitergegeben haben. Ein Satz, der meines Wissens, manchmal sogar als Inschrift für Denkmäler gewählt wurde, die das Andenken an die gefallenen Soldaten der letzten beiden Weltkriege hochhalten. „Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“

 

 

Dieses Wort spricht – so heißt es im Buch der Offenbarung – der Erste und Letzte, der tot war und ist lebendig geworden. Es ist ein Wort des Gekreuzigten und Auferstandenen, ein Wort Jesu Christi. Er spricht es um das Jahr 100 zu den Christen in Smyrna, einer Stadt, die heute den Namen Izmir trägt und zur Türkei gehört. Jesus Christus spricht die an, die zu ihm gehören, und doch ist es zuerst und vor allem ein Wort, in dem er von sich selbst spricht. Denn er war treu bis an den Tod, bis in den Tod. Und erhielt aus der Hand seines himmlischen Vater die Krone des Lebens. Jesus war bis zum Schluss treu seinem Auftrag und seiner Bestimmung. Er war den Menschen und war seinem himmlischen Vater treu. Er bat um Vergebung für seine Peiniger und er gab sich selbst am Kreuz in die Hände seines Vaters. Er ist das Urbild und Vorbild der Treue. Die Krone des Lebens möchte er aber mit uns teilen. Und so ruft er der Gemeinde in Smyrna und auch uns und unserer Gemeinde in Ronhof zu: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“

 

I

Jesus ruft zur Treue auf. Und die Frage ist: Wem wird sie geleistet, wem ist sie zu leisten? Wenn ich es richtig sehe, trifft uns der Ruf zur Treue auf dreifache Art und Weise. Zunächst einmal hören wir den Ruf: Sei dir selbst treu. Das ist es, was die meisten von für sich selbst wollen und was andere von uns erwarten: Dass wir ein Mensch werden, der sich auf sich selbst verlassen kann, und auf den sich andere verlassen können. Ein Mensch zu werden, der Überzeugungen hat und für diese Überzeugungen einsteht.

Und doch erleben wir es, dass wir uns im Lauf unseres Lebens verändern, dass wir manche Überzeugung aufgeben und eine andere annehmen. Nicht willkürlich und aus Spaß, sondern weil uns Erfahrung und Erkenntnis eines Besseren über uns selbst belehrt. Manchmal kann ich mir anscheinend nur so treu bleiben, dass ich mich verändere. Ein Buchtitel der letzten Jahre formulierte: „Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?“ Mit der Treue zu sich selbst ist es anscheinend nicht so einfach.

 

II

Der Ruf zur Treue erreicht uns noch auf eine zweite Weise. Wir feiern heute Volkstrauertag. Wir denken an die Menschen, die auf den Schlachtfeldern, in den Schützengräben und Lazaretten der beiden Weltkriege gestorben sind. Sie sind dem Ruf gefolgt: Sei dem Staat getreu bis in den Tod.

Ich denke, der Staat hat ein gewisses Recht, so zu rufen. Er hat ein gewisses Recht, Treue zu fordern. Wir alle sind ja Teil des Staates. Wir haben Aufgaben und Macht an ihn abgegeben. Er sorgt für den Ausgleich der Interessen zwischen uns. Er tut es schlechter oder besser, aber er tut es. Er sorgt für Frieden und Sicherheit innerhalb der Grenzen und an den Grenzen. Er tut es schlechter oder besser, aber er tut es. Und weil er dies für uns tut, hat er ein gewisses Recht darauf, dass wir uns an seine Gesetze halten, dass wir ihm treu sind. Er hat ein Recht darauf, dass Ihr Konfirmanden zur Schule geht. Er hat ein Recht darauf, dass wir Erwachsene Steuern zahlen. Und von unseren Soldaten verlangt er auch heute, im äußersten Fall treu zu sein bis in den Tod. Unsere Auslandseinsätze kosten Menschenleben.

Freilich, die Geschichte lehrt uns, dass der Staat selbst seiner Aufgabe, das Gute zu fordern und den Frieden zu sichern untreu werden kann. In den beiden Weltkriegen forderte er die Treue seiner Soldaten. Aber er setzte diese Treue für Zwecke ein, die der Treue nicht wert waren. Wo dies der Fall ist, findet der Gehorsam gegenüber dem Staat seine Grenze. Jesus sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Und gebt Gott, was Gottes ist.“

 

III

Und so erreicht uns der Ruf zur Treue noch auf eine dritte Weise. Wenn Jesus sagt: „Sei getreu bis an den Tod“, so meint er: Sei Gott treu bis an den Tod. Die Treue zu Gott steht dabei nicht auf einer Stufe mit der Treue, die wir zu uns selbst oder zur großen Gemeinschaft des Staates haben. Die Treue zu Gott ist die Basis und gleichzeitig die Grenze der Treue, die wir uns selbst oder anderen leisten.

Gott ist im Grunde der einzige, der eine solche Treue bis in den Tod fordern darf. Denn er selbst hält uns diese Treue bis in den Tod, ja über den Tod hinaus. Und vor allem: Er ist der einzige, der uns die Krone des Lebens geben kann. Die Treue zu mir selbst, wird durch ein gutes Gewissen belohnt. Die Treue dem Staat gegenüber belohnt dieser mit Orden und Ehrenbegräbnissen. Die Krone des Lebens vermag mir allein der der zu geben, der der Erste und der Letzte ist, der tot war und ist lebendig geworden. Er gibt ewiges Leben, unzerstörbares Leben. Ein Leben, das sich im Leben und Sterben bewährt, durchhält. Ein Leben, das dieses Leben vertieft und gleichzeitig über es hinausgeht. Ein Leben, das wir manchmal fühlen, vor allem aber glauben. Ein Leben, das Gott für uns festhält und verteidigt – gegen alle Schwermut und allen Übermut, gegen alle Anklagen, Vorwürfe, Verfehlungen.

Ich habe gesagt, die Treue zu Gott ist die Basis und die Grenze der Treue, die wir uns selbst oder anderen leisten. Gott treu zu sein kann also bedeuten, dass wir unser Lebenskonzept bewusst aufrecht erhalten oder es auch verlassen und verändern. Die Treue zu Gott kann bedeuten, dass wir dem Staat treu folgen oder ihm widerstehen. Letzteres will ich mit zwei Beispielen verdeutlichen. Mit dem ersten gehe ich zurück zur Gemeinde in Smyrna in das Jahr 155 oder 156 nach Christi Geburt. Smyrna war damals Teil des römischen Reiches. Und der römische Kaiser verlangte damals von seinen Untertanen, dass sie ihn als Dominus ac Deus – als Herr und Gott – verehren. Der Kaiser setzte sich an die Stelle Gottes und nahm so dämonische Züge an. Manche Christen erbrachten das verlangte Opfer vor der Kaiserstatue. Andere verweigerten es. Zu ihnen gehörte auch Polykarp, der Bischof von Smyrna. Als der römische Prokonsul ihn aufforderte, Christus abzuschwören, soll er ihm geantwortet haben: „86 Jahre diene ich ihm. Und er hat mir nie etwas zuleid getan; und wie kann ich meinen König lästern, der mich erlöst hat.“ Polykarp wurde daraufhin in der Arena auf den Scheiterhaufen gebracht. Als der Wind die Feuerflammen von ihm wegblies, mit einem Dolch erstochen.

Unser Staat heute fordert keine göttliche Verehrung. Dennoch leisten auch hier Christen manchmal Widerstand. Zum Beispiel, indem sie bestimmte Flüchtlinge ins Kirchenasyl aufnehmen. Dies geschieht auch hier in Fürth und geschah und geschieht auch in unserer Gemeinde. Wir tun es nicht, weil wir denken, der Staat hätte kein Recht über Ein- und Ausbürgerung zu entscheiden. Wir tun es, weil wir beobachten: Manchmal bringt die Anwendung des Rechts für den einzelnen Flüchtling eine unzumutbare Härte mit sich. Eine Härte, die unser Staat eigentlich nicht wollen kann. Jemanden ins Kirchenasyl zu übernehmen, ist eine Gewissensentscheidung. Und appelliert gleichzeitig an das Gewissen des Staates. Etwas vermessen könnte ich sagen: Vielleicht ist der Ungehorsam an dieser Stelle gerade ein besonderer Dienst der Kirche am und für den Staat.

 

Jesus Christus sagt: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“ Er ist es, der treu ist. Und in seiner Treue helfe er uns, dass wir Treue leben können. Philipp Spitta dichtet:

 

3. Wo ist solch ein Herr zu finden,
der, was Jesus tat, mir tut,
mich erkauft von Tod und Sünden
mit dem eignen teuren Blut?
Sollt ich dem nicht angehören,
der sein Leben für mich gab?
Sollt ich ihm nicht Treue schwören,
Treue bis in Tod und Grab?


4. Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich
so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich
mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig,
auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig,
der sich lebend zu dir hält.

 

Amen.