Andacht

Du hast mir gerade noch gefehlt!

„Du hast mir gerade noch gefehlt!“ Wenn ich so spreche oder denke, sagt der Satz mehr über mich aus als über den, der zu mir kommt. Denn so spreche ich, wenn ich sowieso schon belastet, überfordert und entkräftet bin – und zwar durch Aufgaben und Erlebnisse, mit denen der oder die andere erst einmal nichts zu tun hat.
„Du hast mir gerade noch gefehlt!“ Vielleicht steckt in diesem Satz mehr Wahrheit, als ich dachte. Vielleicht ist der Mensch, der vor mir steht, tatsächlich gerade der, den ich brauche. Vielleicht ist er es, der mich unterbrechen und Abstand gewinnen lässt. Vielleicht ist er es, der mir sogar helfen und raten kann. Und wenn ich mich über ihn ärgere, dann vielleicht deswegen, weil er mir mit seiner Art den Spiegel vorhält und mich mit etwas konfrontiert, mit dem ich selbst noch nicht zurechtkomme.
„Du hast mir gerade noch gefehlt!“ Wie oft hat Gott wohl diesen Satz schon hören oder spüren müssen? Stille aushalten – beten – hinhören – singen, das hat mir gerade noch gefehlt! Dabei fehlt es oft gerade daran. Gott fehlt uns. Nichts und niemand brauchen wir so sehr wie Ihn.
Dabei meine ich, Gott sprechen zu hören: „Du fehlst mir. Ich bin gern bei Dir und hab Dich gern bei mir. Ich schätze Dich. Ich brauche Dich. Ich brauche Deine Sehnsucht und Deinen Mut. Ich brauche Dein Schweigen und Reden. Ich brauche Dein Fühlen und Handeln.“
„Du hast mir gerade noch gefehlt!“ Wenn wir nur zwei Wörter aus diesem Satz streichen, klingt er ganz anders. „Du hast mir gefehlt.“ Welch liebe-voller Satz! Ein Satz, der in einer Reihe mit Sätzen steht wie diesen: Ich brauche Dich. Du tust mir gut. Ich kann ohne Dich nicht sein. Oder: Ich will nicht ohne Dich sein, auch wenn ich es könnte. Und wieder höre ich auch Gott so sprechen. „Du hast mir gefehlt!“ Mit diesem Satz empfängt er uns, wenn wir zu ihm kommen. Er spricht ihn aus ohne allen Vorwurf. Sein Herz ist voller Freude.
„Du hast mir gefehlt.“ Gebe Gott, dass jemand so zu uns gesprochen hat und/oder zu uns spricht. Gebe Gott, dass wir so zu jemandem sprechen konnten und/oder können. Denn so wird unser Leben reich.
Ihr Pfarrer Walter Drescher

P.S. Obige Gedanken verdanke ich einer Predigt, die mit folgendem Spruch einstieg: „Mich braucht fast jeder! Zumindest sagen viele, ich hätte ihnen gerade noch gefehlt!“